Andernorts

Q bloggt jetzt wieder aus Peking, unter anderem über ihren neuen Job als Newsroom-Chefin bei sohu.com. “Direktor Q” wird sie dort von den drei Dutzend Jungs und Mädels in der Redaktion genannt. Mich packt, wie sie gleich richtig bemerkt, der grüne Neid. 他嫉妒得要死, schreibt sie in einer passenden chinesischen Wendung: Er ist zum Sterben neidisch. Gott, wie ich manchmal die Redaktionsarbeit vermisse!

A proposener

Was immer der Vorgang um die verschwundene Diekmann-Schelte des WamS-Kommentarchefs Alan Posener bei der Welt-Debatte auch bedeuten mag: fehlende Binnenpluralität im Hause Springer, mangelnde Souveränität im Umgang mit meinungsstarken Mitarbeitern, unzureichendes Verständnis der neuen Medienformate, mit denen man gerade herumspielt – um eines handelt es sich nicht: um Zensur. Denn Zensur ist etwas, das nur vom Staat, allerhöchstens noch von ähnlich umfassenden Mächten wie etwa der katholischen Kirche oder den staatstragenden Parteien in kommunistischen Regimen ausgeübt werden kann.

Wenn hingegen ein Verlag seine Redakteure und Autoren auf Linie einschwört, so spricht das vielleicht gegen sein liberales Profil, und es kann im Einzelfall, wie jetzt gerade, zum kleinen PR-Desaster ausarten. Aber Zensur sollte man es nicht gleich nennen.

Sorkin’s High

Als notorischer Zuspätkommer arbeite ich mich gerade Folge für Folge durch längst abgelaufene Staffeln von West Wing. Für alle, die sie noch nicht kennen: diese US-Fernsehserie, die in sechs Staffeln von 1999 bis 2006 produziert wurde, gehört meines Erachtens zum Besten, was der US-amerikanische Intellekt in den letzten Jahrzehnten zustandegebracht hat.

Präsentiert wird das Weiße Haus als schamloses Idealbild politischen Handwerks, geprägt von Klugheit, Menschlichkeit und Pragmatismus – zugleich als ein Idealbild amerikanischer Kultur, dem leider in der Washingtoner Wirklichkeit derzeit immer noch ein H. C. Andersenscher Zerrspiegel vorgehalten wird.

Das Ganze spult als Kammersinfonie in meist atemberaubendem up tempo ab, mit Bachscher Virtuosität werden Stimmen und Motive auseinander und wieder zusammengeführt. Das permanente Adrenalin-High der Akteure teilt sich aufs Angenehmste dem Zuschauer mit (zumal, wenn er als Nicht-Muttersprachler den schnellen, jargongespickten und teilweise extrem lakonischen Dialogen auf Englisch folgen muss).

Erfinder des Ganzen und Drehbuchautor der meisten Folgen war der immer wieder von Erschöpfung und Drogenproblemen geplagte Aaron Sorkin, der jedoch nach der vierten Staffel wegen Querelen mit Warner Brothers das Handtuch warf. Sorkins Stimme prägt die Serie so sehr, dass man manchmal den Eindruck hat, das ganze Personal habe dieselbe Art von Intelligenz und denselben Humor. Aber merkwürdiger Weise schadet das dem Vergnügen nicht. Man kann ihm einfach stundenlang zuhören.

Magie des Äthers

Als Kind verbrachte ich viele, viele Stunden damit, im Bett zu liegen und meiner Philetta auf der Kurzwelle durch behutsames Verstellen des Frequenzknopfes die eigentümlichsten Sounds zu entlocken. Nie gehörte Musik und fremde Stimmen, merkwürdig verhallt, in Sprachen wie aus Träumen, überlagert von der konkreten Klangpoesie kurzwellenspezifischer Störgeräusche.

Nun gibt es ein Weblog, das sich ausschließlich den Artefakten dieses unglaublichen Mediums widmet. Aber es kann nicht den Zauber der Entdeckung ersetzen, die Flüchtigkeit des Erlebnisses reproduzieren, den Kummer, wenn eines dieser Klangereignisse unwiederbringlich dank irgendeiner Laune kosmischer und meteorologischer Entwicklungen wieder im Rauschen entschwand.

Haut-Rhin, Bas-Rhin

Nach dem Flandern-Trip vor drei Wochen nun zurück von einem kurzen Osterausflug in den Elsass. Im geradezu unwirklichen, kristallklaren Frühjahrslicht, in jenem nur in Frühlings- und frühen Herbsttagen möglichen Mix aus Sonnenhitze und Windeskühle läuft man mit Hunderten anderer Touristen verzaubert durch diese Puppenstubenwelten und vergegenwärtigt sich nur mit Mühe, dass die idyllisch geschwungenen Höhenzüge noch bis vor kurzem immer wieder Schlachtfelder waren, dass sich unter den Waldhängen die Stahlbetonbunker der Maginotfestungen verbergen. Doch im Hotel dann laufen auf RTL9 in scheinbar endloser Folge die Nazischurkenstreifen und zeigen, dass die Region bei allem savoir vivre und aller Geschäftstüchtigkeit immer noch wund ist von den blutigen Auswirkungen ihrer so glücklichen wie zugleich fatalen geographischen Lage zwischen den Welschen und den Boches.

Mind the Gap!

Können Statistiken spannende Geschichten erzählen? Wenn Hans Rosling sie animiert und erläutert, ja. Der schwedische Gesundheitsforscher hat mit seinem Sohn Ola und seiner Schwiegertochter Anna die Gapminder Foundation gegründet – eine Stiftung, die sich für die bessere Aufbereitung öffentlich zugänglicher statistischer Daten einsetzt. Die von Gapminder entwickelte Visualisierungssoftware Trendalyzer ist gerade von Google gekauft worden.

In den letzten zwei Jahren war Hans Rosling Gast auf der TED Conference in Monterey, California. Seinen 2006er Vortrag gibts auf Video.

(Via Wortfeld)